[Dieser Beitrag ist von Tobias Nagel verfasst worden.]
Richard Dawkins hatte 1976 sicher keine Ahnung, was er mit dem Begriff Meme lostreten würde. In seinem Buch „The Selfish Gene“ beschrieb er damit kulturelle Ideen, die sich ähnlich wie Gene von Mensch zu Mensch weitergeben, sich replizieren und verändern. Dass dieser Gedanke eines Tages auf einen leidend lächelnden Ungarn, einen stoischen Hund im Feuer und ein triumph-pumpendes Baby zutreffen würde, hätte wohl auch er nicht vorhergesehen.
Manche Bilder treffen einen kollektiven Nerv so präzise, dass sie sich innerhalb von Stunden um den Globus fressen, dabei immer neue Bedeutungsschichten annehmen und plötzlich für alles stehen, was sich mit Worten nur schwer fassen lässt. Sieben dieser Bilder haben Internet-Geschichte geschrieben.
Distracted Boyfriend – ein Stockfoto, das zur universellen Metapher wurde
Das Bild ist eigentlich banal: Ein Mann dreht sich auf der Straße nach einer anderen Frau um, während seine Freundin ungläubig daneben steht. Fotograf Antonio Guillem schoss dieses Stockfoto 2015 für eine Bildagentur, ohne zu ahnen, dass es zwei Jahre später das Internet in Brand setzen würde.
2017 explodierte es auf Twitter mit über 35.000 Retweets innerhalb weniger Tage, weil die Dreier-Konstellation sich auf nahezu jede erdenkliche Ablenkung übertragen lässt: Neue Technologien versus bewährte Methoden, kurzfristige Vergnügen versus langfristige Vernunft, jeder neue Trend versus die Vernunft selbst. Die Universalität ist seine eigentliche Stärke, denn das Bild braucht keine Erklärung.
This Is Fine – ein Hund im Feuer als Spiegel kollektiver Verdrängung
KC Greens Webcomic-Hund sitzt im Anzug in einem lichterloh brennenden Zimmer und sagt schlicht „This is fine.“ Green zeichnete diese Szene 2013 für seinen Webcomic „Gunshow“, doch viral wurde sie erst 2016, als politische Krisen und gesellschaftliche Erschütterungen das perfekte Umfeld für dieses Bild schufen.
Medien und Kommentatoren griffen es als Symbol des kollektiven Selbstbetrugs auf, als Metapher für die menschliche Fähigkeit, inmitten offensichtlichen Chaos einfach weiterzumachen und so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Selten hat ein Cartoon-Hund so viel über den Zustand der Gesellschaft gesagt.
Success Kid – die geballte Faust eines Babys als universelles Triumphgefühl
Laney Griner fotografierte 2007 ihren kleinen Sohn am Strand, wie er die Faust triumphierend geballt in die Luft reckte. Das Baby sah aus, als hätte es gerade die Weltherrschaft an sich gerissen, dabei hatte es wohl nur Sand in der Hand. Von 2011 bis 2013 wurde „Success Kid“ zur ultimativen Feier kleiner Siege, zu einem Bild, das jedes unbedeutende Erfolgserlebnis des Alltags adelte.
Success Kid (Sam Griner)
— Dirmax✨🌍 (@JustDirmax) January 12, 2023
This meme came into existence in 2007 after Laney Griner posted a photo of her son, Sam who was trying to eat sand pic.twitter.com/yQWHVY7TmA
Das Meme übertrug sich sogar in die reale Welt, denn als Griniers Vater eine Nierentransplantation benötigte, half eine Crowdfunding-Kampagne mit dem Bild des berühmten Babys maßgeblich dabei, die nötigen Mittel zu sammeln. Virgin Media setzte Success Kid später in einer Werbekampagne ein, was zeigt, dass Triumph-Energie auch kommerziell funktioniert.
Doge – ein Hundefoto als Grundlage einer Milliarden-Kryptowährung
Atsuko Sato, eine japanische Lehrerin, postete 2010 ein Foto ihrer Shiba-Inu-Hündin Kabosu, die mit schief gelegtem Kopf skeptisch in die Kamera blickte. Drei Jahre später landete das Bild auf Reddit, versehen mit bunten Comic-Sans-Texten in absichtlich gebrochenem Englisch, darunter „such wow“, „very smart“ und „much amaze“.
Die Kombination aus dem würdevollen Hundgesicht und dem chaotischen Broken-English-Kommentar war so absurd und gleichzeitig so warmherzig, dass sich das Meme rasend schnell verbreitete. Doge wurde außerdem zur Grundlage für Dogecoin, eine Kryptowährung, die 2013 als offensichtlicher Witz gestartet wurde und zwischenzeitlich eine Marktkapitalisierung im Milliardenbereich erreichte.
Pepe the Frog – Matt Furies Webcomic wird zum umstrittensten Meme des Internets
Matt Furie erfand Pepe 2005 für seinen Webcomic „Boy’s Club“, einen grünen anthropomorphen Frosch mit halb geschlossenen Augen und einem Gesichtsausdruck, der irgendwo zwischen entspannt und melancholisch pendelt.
Ab 2008 verbreitete sich Pepe auf 4chan und später auf Tumblr, weil das Bild so unglaublich anpassbar war. Pepe konnte traurig sein, wütend, verliebt, cool, beschämt oder ekstatisch, die Varianten waren schier endlos.
Bis 2015 gehörte er zu den meistverwendeten Meme-Figuren überhaupt. Dann wurde es kompliziert, denn politische Extremisten vereinnahmten Pepe als Symbol, was Furie tief erschütterte und zu einem langen rechtlichen und öffentlichen Kampf führte. Trotzdem blieb Pepe in großen Teilen des Internets das, was er ursprünglich war, nämlich ein leicht verschlafener Frosch für ganz normale Alltagsgefühle.
Expanding Brain – Ironie selbst wird zur Kunst
2017 tauchte auf Reddit ein Format auf, das aus einer simplen Idee ein kleines Meisterwerk der Selbstironie machte. Vier Bilder zeigen ein Gehirn, das immer größer und heller leuchtet, kombiniert mit Aussagen, die von „banal und offensichtlich“ bis zu „absurd überkomplex und irgendwie brillant“ reichen.
Die eigentliche Pointe liegt darin, dass die vermeintlich genialste Idee oft die dümmste ist, nur eben mit kosmischem Selbstvertrauen präsentiert. Expanding Brain verspottet gleichzeitig Dummheit und Pseudo-Intellektualität, ohne dabei eine Seite zu bevorzugen.
Hide the Pain Harold – das gequälteste Lächeln des Internets
András Arató ist ein realer Mensch, ein ungarischer Ingenieur, der als Hobby-Model Stockfotos produzierte und dabei einen Gesichtsausdruck in die Welt setzte, der schwer zu beschreiben, aber sofort wiederzuerkennen ist. Ein Lächeln, das lächelt, obwohl es lieber schreien würde.
2011 entdeckten Nutzer des Forums Facepunch diese Fotos und begannen, sie für alle Situationen zu verwenden, in denen man innerlich leidet, äußerlich aber professionell funktioniert. Ab 2013 war „Hide the Pain Harold“ überall. Arató hat seinen unfreiwilligen Ruhm mit bemerkenswerter Selbstironie angenommen, trat auf Meme-Conventions auf und wurde sogar zum Werbegesicht.
Einige Casino Groups nutzten ihn gezielt selbstironsich in Kampagnen für verantwortungsbewusstes Glücksspiel, was zumindest konzeptionell einen gewissen Charme hat, nämlich ausgerechnet das Gesicht unterdrückter Qual als Mahnung, es nicht zu übertreiben.
Memes als Spiegel der Gesellschaft und Werkzeug der Werbung
Diese sieben Bilder sind kein Zufall. Sie alle funktionieren, weil sie etwas Echtes berühren, nämlich kollektive Gefühle, universelle Erfahrungen und die Absurdität des Alltags. Memes reagieren in Form von Fun auf gesellschaftliche Stimmungen in Echtzeit und oft schneller als jedes andere Medium. Kein Wunder also, dass Marken und Unternehmen längst verstanden haben, welches Potenzial darin steckt.
András Arató ist dafür das vielleicht treffendste Beispiel, denn ein Ingenieur mit schmerzhaftem Lächeln wird zum Werbegesicht, weil er authentischer wirkt als jede hochglanzpolierte Kampagne. Was diese sieben Bilder letztlich aussagen ist, dass Menschen Abkürzungen lieben, für Gefühle, für Humor und für das Gefühl, nicht allein mit dem eigenen inneren Brennen zu sitzen.
Mit freundlicher Unterstützung von Tobias Nagel | Bild: © Kanchanara (Unsplash) | Glücksspiel kann süchtig machen. Infos und Hilfe unter www.bzga.de